Corona-Krise zementiert Vermögensunterschiede

 

Die Corona-Krise traf Deutschland plötzlich und mit Wucht: Im April meldeten Unternehmen 7,5 Millionen Beschäftigte für Kurzarbeit an. Berufszweigen wie der Gastronomie oder Friseurbetrieben brachen im Lockdown die Einnahmen weg. Knapp 2,8 Millionen Kinder unter sechs Jahren müssen wegen Schließung der Kindertagesstätten von ihren – oft berufstätigen – Eltern betreut werden. Welche Folgen die Corona-Krise für die Einkommen und das Sparverhalten der Bundesbürger hat, untersucht eine repräsentative Umfrage, die das Meinungsforschungsinstitut Kantar Ende April im Auftrag der Postbank durchgeführt hat. Befragt wurden 1.014 Personen ab 16 Jahren.

 

Sparen in der Krise

 

Sparweltmeister Deutschland wird seinem Titel auch in der Krise gerecht: Heute bilden mehr Menschen Rücklagen als vor Ausbruch des Corona-Virus. Aktuell legen 77 Prozent der Deutschen Geld zur Seite, im Vergleich zu 74 Prozent im Juli 2019. Der hohe Anteil der Sparer überrascht, da jeder fünfte Befragte (21 Prozent) angibt, infolge der Corona-Krise von Einkommenskürzungen betroffen zu sein. 14 Prozent stufen diese Einbußen als leicht ein, vier Prozent als erheblich und knapp drei Prozent als existenzbedrohend. „Die finanziellen Verluste ziehen sich quer durch alle Bevölkerungsschichten“, erläutert Karsten Rusch, Experte für Wertpapieranlagen bei der Postbank. „Weder das Haushaltsnettoeinkommen noch der Bildungsabschluss haben einen Einfluss darauf, ob Befragte aktuell über weniger Einkommen verfügen oder nicht. Allerdings beeinflussen diese Merkmale das momentane Spar- und Anlageverhalten.“

 

Ungleiche Härte

 

19 Prozent aller Deutschen haben das Sparen angesichts der Corona-Pandemie eingeschränkt: Acht Prozent legen kein Geld mehr zurück und zehren gleichzeitig sogar ihre Ersparnisse auf, fünf Prozent bilden gar keine Rücklagen mehr und weitere fünf Prozent weniger als vor der Krise. Erstaunlich: Elf Prozent der Befragten sparen heute sogar mehr. Dies betrifft vor allem die junge Generation zwischen 16 und 29 Jahren. In dieser ohnehin schon sparfreudigen Altersklasse legt knapp jeder Sechste (18 Prozent) mehr Geld beiseite als vor der Corona-Krise. „Durch die Einschränkungen der vergangenen Wochen – geschlossene Restaurants und stornierte Urlaube – haben viele Menschen weniger ausgegeben. Diese freien Mittel werden nun genutzt, um sich ein zusätzliches finanzielles Polster anzulegen“, meint Karsten Rusch.

 

Rücklagen zu bilden muss man sich allerdings auch leisten können. Jeder Siebte (14 Prozent) mit einem Haushaltsnettoeinkommen von 2.500 Euro und höher legt heute mehr Kapital beiseite als vor der Corona-Krise. Unter den Befragten, denen monatlich weniger Geld zur Verfügung steht, spart nur jeder Zehnte (zehn Prozent) mehr als vor der Pandemie. Personen mit einem vergleichsweise geringen Einkommen stellen sogar überdurchschnittlich häufig das Sparen ein: Jeder siebte Befragte (15,4 Prozent) mit einem Haushaltsnettoeinkommen von unter 2.500 Euro greift augenblicklich seine Ersparnisse an; von den Befragten, in deren Haushalt weniger als 1.500 Euro zur Verfügung stehen, betrifft dies bereits jeden Vierten (24 Prozent).

 

Menschen mit einem Einkommen von 2.500 Euro und mehr müssen dagegen derzeit nicht von ihren Ersparnissen leben – lediglich zwei Prozent geben an, dass sie aufgrund der Krise gezwungen sind, ihre Reserven anzugreifen. „Zwar trifft die Krise sämtliche Bevölkerungsschichten, finanziell Bessergestellte sind allerdings eher in der Lage, Einbußen abzufedern und Verluste auszugleichen“, meint der Postbank Experte. „Wer wenig Geld zum Sparen zur Verfügung hat, dem fehlen die finanziellen Reserven, um Geld langfristig etwa in Wertpapieren anzulegen. Chancen, die durch Kursschwankungen an der Börse entstehen, können so nicht wahrgenommen werden. Gleichzeitig verlieren die Ersparnisse auf dem Giro- oder Sparkonto durch die Inflation kontinuierlich an Wert, was den finanziellen Spielraum noch weiter verkleinert.“

 

Corona-Krise als Chance

 

Die sinkenden Börsenkurse ermutigen offensichtlich viele Sparer zum Kauf von Aktien und Fonds. Dies zeigt der Anteil der Wertpapierbesitzer, der im Vergleich zum Vorjahr auf dem hohen Niveau geblieben ist (30 Prozent); gleichzeitig vergrößerte sich der Anteil der besser situierten Anleger. Dies belegen die Zahlen der Vergleichsumfrage vom Juli 2019. Bei einem Haushaltsnettoeinkommen von über 2.500 Euro kauften 2020 bereits 41 Prozent der Befragten Fonds und Aktien. 2019 waren es nur 36 Prozent. Lag das Einkommen über 3.500 Euro, betrug der Anstieg sogar acht Prozentpunkte (2019: 37 Prozent; 2020: 45 Prozent). Bei einem Einkommen von unter 2.500 Euro investieren die Befragten mit 18 Prozent hingegen seltener in Wertpapiere (2019: 22 Prozent). Im Verlauf der Krise verlor der DAX zwischenzeitlich fast 40 Prozent an Wert – das haben Anleger mit den nötigen finanziellen Mitteln offenbar als Chance genutzt.

 

Mitten in der Krise

 

„Familien werden durch die Krise finanziell benachteiligt: Während nur 18 Prozent der Singlehaushalte finanzielle Verluste verzeichnen, haben 57 Prozent der Haushalte mit drei und mehr Personen mit Einbußen zu kämpfen“, erklärt Postbank Experte Karsten Rusch. Die Umfrage zeigt auch, dass Befragte zwischen 30 und 39 Jahren auffallend häufig finanzielle Einschränkungen hinnehmen müssen: 37 Prozent geben an, dass ihr Einkommen durch die Corona-Krise geschmälert wurde – der Durchschnitt liegt bei 21 Prozent. Jeder zehnte 30- bis 39-Jährige (zehn Prozent) berichtet von erheblichen, sieben Prozent sogar von existenzbedrohenden Einbußen. „Viele junge Familien haben bereits in normalen Zeiten ein eng kalkuliertes Budget. Durch die Schließung von Kindertagesstätten und Schulen sind sie ganz besonders gefordert, Kinderbetreuung und Arbeitsalltag unter einen Hut zu bekommen – was offenbar häufig nicht ohne Einkommensverluste machbar ist“, so Karsten Rusch.

 

Crowdinvesting - Verbraucher müssen Projekte selbst prüfen, in die sie investieren

Verbraucherzentrale Berlin empfiehlt, sich gut zu informieren, bevor sie Crowdinvesting-Projekte investieren

 

Die Verbraucherzentrale Berlin empfiehlt Verbrauchern, sich bei Investitionen in Form des sogenannten Crowdinvesting vorab gut zu informieren. "Nach der noch geltenden Gesetzeslage unterliegen viele Crowdinvestingprojekte keiner Finanzaufsicht und keinen entsprechenden Informationspflichten", erklärt Volker Schmidtke, Referent für Finanzdienstleistungen der Verbraucherzentrale Berlin. Um die Investitionsentscheidung auf einer bestmöglichen Grundlage zu treffen, sollten Verbraucher daher folgendes prüfen:

 

• Kann ich es mir leisten, die eingesetzten Gelder gegebenenfalls vollständig zu verlieren?

 

• Ist das Geschäftsmodell des Start-Ups, seine finanzielle Grundlage und seine Investitionsplanung – wenn es sie gibt – nachvollziehbar?

 

• Ist offengelegt, wie sich das Unternehmen außer dem Crowdinvesting finanziert, wie hoch seine Verschuldung ist? Wenn nein: Erfragen Sie dies konkret über die Kommentarfunktion.

 

• Wird offengelegt, ob das Unternehmen schon einen Jahresabschluss veröffentlicht hat? Wenn nein, erfragen Sie dies per Kommentarfunktion und schauen Sie sich den Jahresabschluss, falls erstellt, unter www.unternehmensregister.de an. Stellen Sie die Bilanzsumme den Angaben zum Unternehmenswert auf der Crowdinvestingplattform gegenüber.

 

Crowdinvesting heißt, dass viele Kleinanleger über eine Online-Plattform eine junge Firma finanzieren. Die Idee stammt aus der Finanzierung kultureller oder sozialer Kleinvorhaben. "Im Crowdinvesting geht es aber heute um Unternehmensfinanzierung in zum Teil Millionengrößen, meist in Form sogenannter partiarischer Nachrangdarlehen", erklärt Schmidtke. Das bedeute, dass bei Insolvenz des Unternehmens das investierte Geld in der Regel weg sei. "Die Insolvenzgefahr ist sehr konkret, denn meist handelt es sich um Startups ohne etabliertes Geschäftsmodell, und ein Großteil neugegründeter Unternehmen scheitert", so Schmidtke weiter. Sind die einwerbenden Unternehmen keine jungen Startups mehr, sind sie zum Teil schon erheblich bei Banken verschuldet, so dieVerbraucherzentrale Berlin.

 

Vermögen in Deutschland weiterhin sehr ungleich verteilt

Große Unterschiede auch nach Geschlecht, Region, Berufsgruppe

 

Die Vermögen in Deutschland sind weiterhin sehr ungleich verteilt. Eine Person, die zum reichsten Zehntel der erwachsenen Bevölkerung gehört, besitzt netto, also nach Abzug aller Schulden, mindestens 217.000 Euro. 28 Prozent der Bevölkerung haben dagegen netto nichts oder sind sogar im Minus. Der Gini-Koeffizient, das bekannteste statistische Maß für Ungleichheit, verharrt auf einem im europäischen Vergleich hohen Niveau: Zusammen mit Österreich weist Deutschland die höchste Vermögensungleichheit unter den Euro-Ländern auf. Auch mit Blick auf die Altersvorsorge ist das bedenklich. Zu diesem Ergebnis kommt eine von der Hans-Böckler-Stiftung geförderte Studie von Dr. Markus M. Grabka und Christian Westermeier, die heute auf einer Pressekonferenz in Berlin vorgestellt wird. Die beiden Forscher des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW) haben die neuesten Daten des Sozio-oekonomischen Panels (SOEP) zur Vermögenssituation der erwachsenen Bevölkerung ausgewertet. Den Berechnungen zufolge besaßen die privaten Haushalte 2012 brutto rund 7,4 Billionen Euro (ohne PKW und Hausrat). Abzüglich aller Verbindlichkeiten ergibt sich ein Nettovermögen von insgesamt 6,3 Billionen Euro. Pro Erwachsenem waren das im Durchschnitt 83.000 Euro. Der Median, also der Wert, der die reichsten 50 Prozent von den ärmsten teilt, lag dagegen nur bei 17.000 Euro - ein erstes Indiz für erhebliche Ungleichheit. Um zum reichsten Zehntel zu gehören, musste man 2012 mindestens 217.000 Euro sein Eigen nennen. Wer zum reichsten Prozent gehört, verfügte über ein Nettovermögen von mehr als 800.000 Euro. Dabei erfasst das SOEP Superreiche - Milliardäre und Besitzer von großen Millionenvermögen - nur unzureichend, das tatsächliche Durchschnittsvermögen im obersten Hundertstel dürfte also noch höher liegen. Gut ein Fünftel aller Erwachsenen in Deutschland hatte dagegen netto kein Vermögen, bei weiteren 7 Prozent waren die Schulden höher als das Vermögen.

 

Ungleichheit hoch, kaum Veränderung über das letzte Jahrzehnt

 

Als ein Maß für die Ungleichheit der Vermögensverteilung haben Grabka und Westermeier den Gini-Koeffizienten berechnet. Je höher dieser Wert im Bereich von 0 bis 1 ausfällt, desto größer ist die gemessene Ungleichheit. Mit 0,78 befand sich der deutsche Wert 2012 auch im europäischen Vergleich "auf einem hohen Niveau", stellen die DIW-Wissenschaftler fest. Deutlich darunter lagen etwa Italien mit 0,61, die Slowakei mit 0,45 oder Frankreich mit 0,68. Auf dem gleichen Niveau wie Frankreich bewegt sich auch der Durchschnitt des Euroraums. In den USA betrug der Gini-Koeffizient 0,87. Gegenüber den Vergleichsjahren 2002 und 2007, in denen das SOEP ebenfalls Daten zum Vermögen erhob, hat sich an der Vermögensungleichheit in Deutschland kaum etwas geändert, konstatieren die Forscher. Ein alternatives Verteilungsmaß ist das 90/50 Dezilsverhältnis. Es gibt an, um welchen Faktor das Vermögen der "ärmsten" Person im wohlhabendsten Zehntel der Bevölkerung den Medianwert übersteigt. 2012 lag dieses Verhältnis beim 13-fachen. Auch die Struktur der Privatvermögen haben die Wissenschaftler untersucht. Demnach besaßen im Jahr 2012 knapp 51 Prozent der Deutschen private Versicherungen oder Bausparverträge und 47 Prozent Geldvermögen. 38 Prozent verfügten über selbst genutzte Immobilien, ihr Anteil daran war durchschnittlich 141.000 Euro wert. Nur 4 Prozent waren dagegen im Besitz von Betriebsvermögen, das im Schnitt mit mehr als 190.000 Euro zu Buche schlug. Fast ein Drittel der Bevölkerung hatte 2012 Schulden, spürbar mehr als 2002. Insbesondere der Anteil der Personen mit Konsumentenkrediten ist deutlich gewachsen, von 12 auf 16 Prozent.

 

Große Differenzen nach Geschlecht, Region und Berufsgruppe

 

Beim privaten Reichtum gibt es laut der DIW-Studie zum Teil erhebliche Differenzen zwischen West und Ost, Männern und Frauen, Unternehmern und Beschäftigten. So war das durchschnittliche Nettovermögen der Westdeutschen 2012 mit 94.000 Euro mehr als doppelt so hoch wie das der Ostdeutschen, die nur auf 41.000 Euro kamen. Männer besaßen im Schnitt 97.000 Euro, Frauen 27.000 weniger. Azubis und Praktikanten verfügten durchschnittlich über 8.000, Facharbeiter über 45.000 und Meister sowie qualifizierte Angestellte und Beamte im einfachen und mittleren Dienst über rund 80.000 Euro. Angestellte mit umfassenden Führungsaufgaben kamen netto auf über 210.000 Euro. Selbstständige ohne Mitarbeiter besaßen 170.000, Unternehmer mit mehr als zehn Mitarbeitern knapp eine Million Euro. Die Untersuchung macht auch deutlich, wie stark Einkommen und Vermögen zusammenhängen. Während die 10 Prozent der Erwachsenen mit den geringsten Einkommen 2012 im Durchschnitt nur knapp 20.000 Euro besaßen, steigt das durchschnittliche Vermögen im Bevölkerungszehntel mit dem zweithöchsten Einkommen (9. Dezil) auf durchschnittlich 130.000 Euro pro Kopf. Die einkommensstärksten 10 Prozent verfügten über ein Pro-Kopf-Vermögen von durchschnittlich 285.000 Euro. Die oberen Einkommensgruppen legten über das vergangene Jahrzehnt zudem beim Vermögen zu: Im 9. und 10. Dezil verzeichnen die Forscher einen Zuwachs von im Mittel 25.000 Euro. Bei den 30 Prozent mit den geringsten Einkommen beobachteten sie hingegen eine Stagnation.

 

Drastische Vermögenseinbußen unter Arbeitslosen

 

Drastische Einbußen mussten im Laufe der Zeit die Arbeitslosen hinnehmen: Im Jahr 2002 belief sich ihr durchschnittliches Nettovermögen noch auf rund 30.000 Euro, 2012 waren es nur noch 18.000. Nach Analyse von Grabka und Westermeier dürften dabei die Hartz-Gesetze eine wichtige Rolle gespielt haben, die unter anderem vorsehen, dass vor dem Bezug von Arbeitslosengeld II zunächst der größte Teil des Vermögens aufzubrauchen ist. Die Folge: Fast zwei Drittel der Personen ohne Job hatten 2012 unter dem Strich kein Vermögen oder sogar Schulden. Grabka und Westermeier halten ihre Ergebnisse vor allem mit Blick auf die Altersvorsorge für problematisch. Zwar hätten immer mehr Deutsche private Versicherungen, im Schnitt seien die 2012 aber nur 19.000 Euro wert gewesen. Ob damit die Absicherungslücken der Gesetzlichen Rentenversicherung geschlossen werden können, bleibe fraglich - zumal auch der Anteil der Personen mit Schulden zugenommen habe. Insbesondere Ostdeutsche, warnen die Wissenschaftler, hätten drohender Altersarmut mit ihren Privatvermögen kaum etwas entgegenzusetzen. 

 

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